Rede zum CSD in Kassel
*the english translation is written below.
Hallo ihr tollen Menschen auf dem Christopher Street Day in Kassel. Toll, dass wir heute gemeinsam protestieren.
Ich bin Tristan Marie vom Queeren Zentrum Kassel. Für die, die es noch nicht kennen:
Das Queere Zentrum Kassel ist eine Art Wohnzimmer für die Communities. Bei uns begegnen sich Queere und LSBTQIA+ Menschen aus der Region und von weiter weg. Sie erholen, vernetzten und organisieren sich. Aktuell gibt es fast täglich mehrere Angebote für die Communities und Freund*innen - und das geht nur, weil viele tolle Ehrenamtliche die Räume mit Leben füllen und die Angebote und Austauschmöglichkeiten schaffen, die bisher fehlten.
Darum ein großes Danke an unsere Ehrenamtlichen, dafür dass sie Verantwortung für das Herz der Communities übernehmen.
Danke an unsere Vorstandsmenschen, ohne die das Queere Zentrum gar nicht möglich wäre.
Danke, an die Stadt Kassel, deren Förderung unsere Selbstorganisation sehr unterstützt.
Und danke an alle Menschen, die vorbeikommen und die Communities mitgestalten.
Ich, Tristan Marie lohnarbeite im Queeren Zentrum mit dem Auftrag, Barrieren im Queeren Zentrum selbst und in den Communities abzubauen.
Zu Beginn meiner Arbeit habe ich andere beHinderte, verRückte und chronisch kranke Queers gefragt, was sie am Istzustand stört und wie ein gutes Leben für uns eigentlich aussähe.
Was stört ist klar: dass die meißten Menschen noch nie von Ableismus gehört oder sich damit auseinandergesetzt haben. Ableismus – das ist die strukturelle Abwertung und Benachteiligung von beHinderten, verRückten und chronisch kranken Menschen.
Das ist die Scheu davor, das Wort „behindert“ auszusprechen,
aber selbstverständlich Dinge wie: „das ist doch verrückt“,
„der Vergleich hinkt“
„Hörst du nicht richtig?“
„rechte Idioten“
oder „ich finde das krank“ zu sagen.
Ableismus sind die vielen Erwartungen daran,
wie wir die Welt wahrnehmen sollen,
wie wir denken und lernen sollen,
wie wir uns bewegen sollen,
wie wir Gefühle fühlen und sie zeigen sollen,
wie wir sprechen sollen.
Aber wir sprechen mit unseren Händen, Computern und Mündern.
Wir sprechen schnell, wir nuscheln, wir zitieren, wir reden langsam, haben ungewohnte Sprachmelodien oder genau deine.
Wir fühlen nichts oder vieles gleichzeitig, wir fühlen jetzt und früher, wir zeigen Gefühle mit dem ganzen Körper, mit Worten, mit Stille mit dem, was du nicht erwartest.
Wir bewegen uns fahrig und schwerfällig, hampelnd und hinkend, hopsend und rollend und tanzend und jeden Tag anders oder auch nicht.
Wir denken parallel und eins nach dem anderen, in Details, in Strukturen, in inneren Bildern, wir denken mit Fakten und mit Gefühlen, mit Widersprüchen und manchmal mit Schubladen.
Wir werden Expert*innen in eigener Sache und in unseren Berufungen. Wir erlangen Wissen, die NichtbeHinderte nie erfahren werden. Crip Wealth – also Krüppelreichtum nennen wir das und teilen ihn gerne.
Wir sind viele.
Und wir sind irgendwie dabei.
Vielleicht erkennst du uns gar nicht.
Vielleicht wundert oder nervt dich diese seltsame Person.
Vielleicht sprichst du mehr mit der Assistenz oder dem Hilfsmittel.
Wir versuchen mitzumachen, sind oft auch mitgemeint, nur nicht richtig mitgedacht.
In der Utopie ist das anders.
Da sind Unterschiede willkommen und werden von Anfang an eingeplant.
Verschiedene Bedürfnisse sind gleichzeitig da und wir gehen damit um,
auch wenn sie sich scheinbar widersprechen.
In der Utopie stehen die Uhren auf Crip Time – Krüppelzeit:
Wir machen die Dinge in unserem Tempo.
Wir machen die Dinge innerhalb unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten.
Wir machen die Dinge so, dass wir Freude daran haben,
alle Teilhaben können
und keins von uns ausbrennt.
In der Utopie haben unsere Krisen Platz.
Sie werden anerkannt und aufgefangen.
Und sie sind einfach etwas, dass gerade ist.
Wir sorgen uns währenddessen nicht um Wohnraum, Essen, medizinische Versorgung, Bildung oder Mobilität – denn wir haben alle bedingungslosen und bedarfsgerechten Zugang zu Grundversorgung.
In der Utopie ist jede*r wertvoll und liebenswert.
Wir erfahren und leben verschiedene Formen von Liebe und Verbundenheit,
sind geborgen bei unseren Freund*innen und (Wahl)Familien
und in unseren Beziehungsnetzen.
Wir leben in fürsorglichen Communitystrukturen in denen wir einander ergänzen.
Wir achten aufeinander und unterstützen uns gegenseitig.
In der Utopie sind wir auf dem Weg.
Wir verändern uns
Wir lernen voneinander
und denken um.
Wir machen Fehler und reden darüber.
Wir übernehmen Verantwortung.
Und genau diese Utopie beginnt hier und jetzt.
Speech for the CSD Kassel:
Hello, everyone at Christopher Street Day in Kassel. It’s great that we’re protesting together today.
I’m Tristan Marie from the Queer Center Kassel. For those who aren’t familiar with it yet: The Queer Center Kassel is a kind of living room for the communities. Here, queer and LGBTQIA+ people from the region and beyond come together. They relax, network, and organize. Currently, there are several events for the communities and friends almost every day—and this is only possible because many wonderful volunteers bring the spaces to life and create the opportunities for connection and exchange that were previously missing.
So a huge thank you to our volunteers for taking responsibility for the heart of the communities.
And especially to our board members, without whom the Queer Center wouldn’t be possible at all.
I also thank the City of Kassel, whose funding greatly supports our self-organization.
And thank you to everyone who stops by and helps shape the communities.
I, Tristan Marie, work at the Queer Center with the mission of breaking down barriers within the Queer Center itself and within the communities.
When I started this work, I asked other disabled, mad, and chronically ill queers what bothers them about the status quo and what a good life would actually look like for us.
It’s clear what bothers us: that most people have never heard of ableism or reflected on it. Ableism—that is the structural devaluation and discrimination against disabled, mad, and chronically ill people.
It’s the reluctance to say the word “disabled,”
but at the same time, people have no qualms about saying things like: “that’s crazy,”
“ugh, lame!”
“are you deaf?”
“right-wing idiots”
or “that’s just sick.”
Ableism is the many expectations about
how we’re supposed to perceive the world,
how we’re supposed to think and learn,
how we’re supposed to move,
how we’re supposed to feel and express our emotions,
how we’re supposed to speak.
But we speak with our hands, computers, and mouths.
We speak quickly, we mumble, we quote, we speak slowly, we have unfamiliar speech patterns—or exactly yours.
We feel nothing or many things at once; we feel the present and the past; we express emotions with our whole bodies, with words, with silence, with what you don’t expect.
We move unsteadily and clumsily, stumbling and limping, hopping and rolling and dancing—and differently every day, or not.
We think in parallel streams and one thing at a time, in details, in structures, in inner images; we think with facts and with feelings, in contradictions and sometimes in boxes.
We become experts in our own lives and in our vocations. We gain knowledge that non-disabled people will never experience. We call this “Crip Wealth” and we’re happy to share it.
There are many of us.
And we’re here somehow.
Maybe you don’t even recognize us. Maybe you are puzzled or annoyed by this strange person.
Maybe you talk more to their assistant or assistive device.
We try to take part, are often implied, but not actually considered.
In utopia, however, things are different.
There, differences are welcome and are planned for from the very beginning.
Different needs exist simultaneously, and we deal with them,
even if they seem to contradict each other.
In utopia, the clocks are set to Crip Time:
We do things at our own pace.
We do things within our capacities and skills.
We do things in a way that brings us joy,
allows everyone to participate,
and doesn’t burn any of us out.
In utopia, there is room for our crises.
They are acknowledged and supported.
And they are simply something that is happening right now.
Meanwhile, we don’t worry about housing, food, medical care, education, or mobility—because we all have unconditional and needs-based access to basic necessities.
In utopia, everyone is precious and lovable.
We experience and live different forms of love and connection,
feeling safe and connected with our friends and (chosen) families
and within our networks of relationships.
We live in caring community structures where we complement one another.
We look out for one another and support each other.
In utopia, we are on a journey.
We are changing
We are learning from one another
and rethinking our ways.
We make mistakes and talk about them.
We take responsibility.
And this very utopia begins here and now.
